Dieses 2025 ist mein persönlicher Endgegner in Sachen Jahresrückblicke. Warum nicht einfach stur nach vorne schauen, Krisen und Chaos hinter sich lassen? Ein Grund: weil unter dem Schuttberg aus riesigen Problemen kleinere hoffnungsvolle Ereignisse liegen. Die wieder zu „entdecken“, das lohnt sich, aber es ist definitiv ein Weg.

Als Trump ins Weiße Haus zurückkehrt, geht‘s mir wie vielen: Fasziniert von der Geschwindigkeit seiner Disruption hat die US-Politik die Qualität von einem Verkehrsunfall oder Wohnhausbrand: kaum einer will gaffen, trotzdem ist es so schwer es nicht zu tun. Ich verpasse kaum eine Folge von The Daily. Von den Dekreten über Doge bis hin zu den oft willkürlichen und menschenrechtswidrigen Verhaftungen von ICE…

Tief im MAGA-Sog

Im Jahresrückblick von Satire Deluxe erzählt Jan Böhmermann, wie er irgendwann beschließt, weniger emotional investiert zu sein, in all das was von Trump kommt. Das versuche ich auch. Gelingt aber nur mäßig.

Inseln des Begreifens

Mitten im 2025er-Chaos erscheint die „Die Peter Thiel Story“ (für mich der beste Podcast des Jahres). Klaus Uhrig und Fritz Espenlaub liefern eine dichte Erzählung über das antiaufklärerische Mindset hinter dem autoritären Shift. Der Podcast macht die Welt nicht heil, aber begreifbar. Als wir im Sommer nach Frankreich fahren, höre ich die Geschichte mit der Familie ein zweites Mal. Es ist das erste Mal, dass wir gemeinsam auf dem Niveau über demokratische Voraussetzungen und geopolitische Machtfantasien sprechen. Danke.

Zwischen Trumps zweiter Amtseinführung und dem Sommer bin ich für einen Tag im März in Berlin, am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Ein Workshop zum Thema Fehlinformation: Forschungsstand, Auswirkungen und mögliche gesellschaftliche Gegenwehr. Hinweis und Einladung habe ich über das Netzwerk der Lie Detectors erhalten. Seit 2019 bin ich dort immer wieder in Schulklassen: Falschnachrichten entlarven, Hintergründe verstehen, Journalismus erklären, media-literacy on the ground. Auch auf dieser Workshop-Tagung wird klar, wie sehr Demokratie unter Beschuss geraten ist, wie groß der Druck auf freie Gesellschaften gewachsen ist, sich gegen die Macht rechter Parteien und ausländischer Konzerne zu behaupten. Meine Tischnachbarin dort: Mirjam Jenny vom Institute for planetary health behavior der Uni-Erfurt. Wir sprechen über die Gefahren von Wissenschaftsskeptizismus und Wissenschaftsleugnung und wie Forschende mit ihren Inhalten besser durchdringen können. Der Fachbereich will in 2025 zum ersten Mal ein Fellowship ausschreiben, für einen Journalist in Residence. Vielleicht ließe sich ja dort ein Workshop-Konzept unterbringen: Wissenschaftskommunikation in Krisenzeiten.

Die aktuellen Krisen und Probleme begleiten natürlich auch unsere Arbeit bei 11KM: der tagesschau-Podcast. Doch auch hier zeigen sich in vielen Geschichten konstruktive und hoffnungsvolle learnings. Mein persönliches Highlight war die Zusammenarbeit mit Dirk Eisfeldt und den Recherchen rund um seine Doku zu den Nürnberger Prozessen. Vor 80 Jahren markierten die einen Meilenstein im Völkerstrafrecht, so richtig deutlich wird das durch die Geschichte des 22-jährigen Journalisten Ernst Michel. Michel ist nicht nur der jüngste unter den internationalen Reportern bei den Prozessen, sondern auch der einzige Holocaust-Überlebende. Im Gerichtssaal muss er das Unmögliche schaffen: Sachlich über die berichten, die für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich sind und auch ihn fast getötet hätten. Die Folge berührt viele Hörer:innen und auch uns in der Redaktion, kurze Zeit später nehme ich sie mit nach Nürnberg in meinen Workshop, als Best-Practice-Beispiel für gelungenes Audiostorytelling.

Vom Reden zum Handeln

Herbst in Köln-Mülheim. Ich stehe in einer Aula, wieder für Lie Detectors doch zum ersten Mal nicht vor Schülerinnen und Schülern, sondern vor Lehrer:innen. Seit einiger Zeit gibt es ein Programm, um Multiplikator:innen zu schulen. Wir sprechen über „AI Slop“ – jenen KI-Müll, der das Vertrauen schleichend zersetzt. Ein Lehrer spottet über seiner Meinung nach unwichtige Beispiel auf für ihn unwichtigen Plattformen. Nennt das Ganze „Pillepalle“. Die Gruppe fängt ihn ein: Vertrauenserosion sei sehr wohl ein Problem.

Dann Erfurt. Mein Fellowship als Journalist in Residence am Institute for Planetary Health Behavior (IPB) ist bewilligt. Gemeinsam mit Miriam Jenny planen wir den Workshop, suchen Wege, Forschung nicht als starres Ergebnis, sondern als Prozess aus Irren und Scheitern zu erzählen. Wo steht die Wissenschaft 2025 zwischen neutralem Beschreiben und notwendigem Aktivismus? Wie kann diese Suche nach einer adäquaten Rolle selbst zur Geschichte werden? Auf der Suche nach Antworten bin ich zum Glück nicht allein: Theresa Leisgang vom Netzwerk Klimajournalismus hilft mir.

Resilienz und Deep-Dive

Das Jahr endet mit einer doppelten Vertiefung. Zuerst der Einstieg in den Workshop KI-Resilienz im Journalismus. Gemeinsam mit den großartigen Stephan Weichert, Leif Kramp und Alexander von Streit lernen setzen wir an zum Deep-Dive in die K.I.-Welt. Status Quo, Chancen, Risiken, Nebenwirkungen: Es geht darum, im KI-Sturm nicht nur dagegenzuhalten, sondern die Werkzeuge souverän zu führen, dabei aber das große Ganze, gesellschaftliche Verformungen im Blick zu behalten.

Dann, Dezember: der radikale Tauchgang mit The Week (Tipp von Theresa Leisgang). Gemeinsam mit meinen Freunden Julia und Basti vom Niederrhein und Tim aus Stockholm, tauchen wir ab. Ein Klimakrisen-Erkenntnis-Handlungs-Programm: Die Fakten der Klimakrise sind bekannt, sie so geballt ins Auge zu fassen ist neu für mich und hart. Ein emotionaler Absturz bis zu dem Punkt, wo es nicht mehr weitergeht. Wir entdecken unsere Ablenkungs- und Verdrängungsmuster, werden uns der eigenen Angst bewusst, analysieren das „Immer-Mehr“-Mindset und tauchen dann gemeinsam wieder auf. Die Macher:innen beschreiben diese Reise als U-Form, dieser Text entsteht nach Teil zwei, kurz vor dem hoffentlich hoffnungsvollen Wiederanstieg. Schon jetzt: Große Dankbarkeit für die intensivste Erfahrung dieses Jahres und eine wichtige Erkenntnis.

Wir schreiben die Geschichte

Noch einmal kurz Durchatmen, dann beginnt das neue Jahr und wenig später ist dann auch schon der 6. Januar 2026. Ein Datum, an dem sich die Linien kreuzen. Trump ist seit genau einem Jahr wieder im Amt. Gleichzeitig jährt sich der Sturm auf das Kapitol zum fünften Mal. Aus der Lüge von der gestohlenen Wahl wurde damals Gewalt. Im WDR5-Zeitzeichen erzähle von den Ereignissen mit Hilfe von Claudia Buckenmaier, die diesen „day of rage“ damals hautnah miterlebt hat; und mit einem der renommiertesten Gewaltforscher der USA, Robert Pape. Am Ende hat die Verurteilung der Kapitolstürmer keinen Frieden gebracht. Trump hat die Täter begnadigt und den Tag umbenannt: der 6.1. sei ihm nach ein „day of love“. Die Spaltung der USA in Trump-Befürworter und -Gegner, sie scheint tiefer denn je.

Was mir ein wenig Hoffnung für 2026 gibt:

Vertrauenserosion ist real, aber Transparenz und Media-Literacy können sie aufhalten.

• Der Einfluss autoritärer Politiker und Parteien wächst. Gleichzeitig hilft es, ihre Handlungsmuster und Motive zu verstehen und welche Bedürfnisse sie scheinbar befriedigen (zwei großartige Podcasts in diesem Zusammenhang: „Die Peter Thiel Story“  und „Tech Bro Topia“, zwei großartige  Sachbücher dazu: „Mullis: Der Aufstieg der Rechten in Krisenzeiten“ und „Reckwitz: Verlust“ .

Selbstwirksamkeit beginnt, wenn wir begreifen: Wir sind keine Objekte der Geschichte. Wir sind handelnde Personen. Wir schreiben die Realität mit. Das ist nicht fiktional, sondern unsere tägliche Chance.

Auf 2026.

Auf ein Jahr, auf dass wir dann hoffentlich lieber und leichter zurückblicken werden können.